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Allein unter Männern
24.12.12, 10:37 Uhr (Quelle: Sächsische Zeitung)
Beim Eishockey-Verein in Niesky steht Ivonne Schröder im Tor und teilt sich mit den Mitspielern Kabine und Dusche. Ein Problem hat sie damit nicht, auf dem Eis aber manchmal Angst.

Es ist eng, es ist laut, es stinkt. Eishockey-Kabinen sind kein Ort für feine Nasen und kein Ort für Feingeister. Dies ist auch in Niesky bei den Tornados so. Über der Tür des holzvertäfelten Raums hängt der Fotokalender eines Erotikversandhandels. Die Dezemberdame zeigt offenherzig alles, was ihr chirurgisch behandelter Körper hergibt.

Gleich daneben hängt ein elektrischer Duftzerstäuber. Der muss Schwerstarbeit leisten angesichts des Schweißgeruchs, der sich in all den Jahren in Boden und Wänden eingefressen hat. In den Fächern über den Holzbänken liegen Energy-Drinks, Bierflaschen und alte Handtücher. So eine Eishockey-Kabine ist ein Männer-Mikro-Kosmos.

Nur in einem Fach liegt ein Fön. Hier ist der Platz von Ivonne Schröder, der Torfrau der Tornados. Eine halbe Stunde vor Trainingsbeginn kommt sie mit ihren Mitspielern, zieht sich erst einmal aus und dann die 15 Kilo schwere Ausrüstung an. So, als sei es das Normalste auf der Welt. „Ich habe schon als Mädchen in Jungenmannschaften gespielt. Für mich ist das nichts Besonderes mehr“, sagt die 24-Jährige und watschelt auf ihren Schlittschuhen raus aufs Eis.

Für andere ist sie schon was Besonderes. Neulich war der MDR da und drehte für die Sendung „Außenseiter Spitzenreiter“. Die ist auf Außergewöhnliches spezialisiert. Die Moderatorin wollte wissen, wie es so ist allein unter Männern. „Im Prinzip nehmen sie keine Rücksicht“, sagt sie. „Und das finde ich auch ganz gut so.“ Allein beim Duschen ist sie ungestört. Da es nur einen Duschraum gibt, muss sie warten, bis die Männer fertig sind. „Prüde darf man natürlich nicht sein“, gesteht sie. „Aber das sind Sportler ja ohnehin nicht.“

Ivonne Schröder wuchs in Weißwasser auf, der Eishockey-Hochburg der Lausitz, wo sie noch immer lebt. Bereits im Kindergarten wurde sie von Talentespähern entdeckt, spielte bei den Bambinis, später bei den Kleinschülern. Die Position war schnell gefunden: Tor. „Anfangs wurde mir die Ausrüstung noch angelegt, weil ich es selber nicht geschafft habe“, erinnert sie sich. Weißwasser hatte damals noch eine reine Frauenmannschaft, die wurde inzwischen aber aufgelöst. Viel lieber spielt sie ohnehin bei den Männern. Also ging sie nach Jonsdorf zu den Falken. 100 Minuten Fahrtzeit für eine Strecke waren auf Dauer jedoch zu viel. Also wechselte sie nach Niesky. Die Tornados suchten gerade einen neuen Torwart, das passte.

Die vierte Saison ist sie jetzt schon hier und längst Stammspieler. Lediglich bei zwei Partien saß sie bisher auf der Bank. An ihr liegt es nicht, dass die Tornados trotz des vorweihnachtlichen 6:2-Sieges über die Icefighters Leipzig derzeit nur Neunter und damit Tabellenletzter der Oberliga Ost sind, der dritten Liga im Männer-Eishockey. „Sie ist ruhig und enorm ehrgeizig“, findet Marco Noack, der Stürmer. „Manchmal sogar zu ehrgeizig. Dann will sie die Wehwehchen nicht zeigen und geht einfach nicht vom Eis.“ Der 26-Jährige muss es wissen: Die beiden spielen seit Kindestagen zusammen Eishockey.

Vor zwei Wochen beim Spitzenreiter in Halle ging es jedoch nicht anders. Bei einem Gewühl vor dem Tor fällt sie hin und verliert die Gesichtsmaske. Ein Hallenser schießt, der Puck trifft sie am Hinterkopf. Die Platzwunde wird noch in der Halle mit drei Stichen genäht. „Als ich das Blut fließen sah, kullerten die Tränen. So hart bin ich dann doch nicht.“ Es war nicht die erste schlimme Verletzung. Vor zwei Jahren riss sie sich den Innenmeniskus – ebenfalls in Halle. Natürlich habe sie manchmal Angst. Etwa wenn in Stürmer alleine vor ihr auftaucht und mit dem Schläger weit ausholt. „Da gibt es nur eins: stehen bleiben. Wegdrehen geht nicht, dann würde es richtig weh tun.

“Auf der Vorderseite sind die Torhüter durch riesige Polster geschützt. Anatomische Unterschiede bei der Ausrüstung gibt es lediglich beim Tiefschutz, beim Brustpanzer nicht. „Leider“, sagt Ivonne Schröder. „Werde ich da getroffen, ist es sehr unangenehm.“ Die Schmerzen können sie aber nicht abbringen von ihrem Hobby. Turnen, Handball oder Schwimmen waren nie ein Thema.

Die Frauennationalmannschaft ist es dagegen. 60 Länderspiele hat sie bereits bestritten, im Februar könnten die nächsten hinzukommen. Bei einem Qualifikationsturnier geht es um die Olympia-Teilnahme in Sotschi. „Da will ich unbedingt hin. Das wäre ein Traum.“ Die beiden anderen Torwartfrauen der deutschen Auswahl stehen ebenfalls bei Männermannschaften unter Vertrag. Die Nummer eins, Viona Harrer, sogar beim Zweitligisten EC Bad Tölz.

Olympia als Abschluss? Bis zu den Spielen 2014 will Ivonne Schröder auf jeden Fall weitermachen. „Dann komme ich langsam in ein Alter, in dem Frauen noch was anderes planen“, erzählt sie und grinst. Die Immobilienkauffrau arbeitet bei einer Wohnungsbaugesellschaft in Weißwasser, ab April hat sie eine Vollzeitstelle.

Nach gut einer Stunde ist das Training zu Ende. Das Wetter meinte es diesmal gut mit den Tornados, es hat nicht geregnet. In Niesky steht das letzte Eishockey-Freiluftstadion, nach zähen Verhandlungen soll nun in zwei Jahren ein Dach drüber. In der Kabine schält sich Ivonne Schröder aus ihrem dicken Panzer und wartet geduldig, bis die Dusche frei wird.
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