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Historische Serie Teil 3/9 - Mit der Rückhand gegen Zittau
17.11.12, 12:13 Uhr (Quelle: Sächsische Zeitung)
Mit dem Bau des Stadions am Moryteich entdeckten zig Nieskyer ihre Begeisterung für den Eissport. 1954 bekamen die Spieler mit dem Natureisstadion die lang ersehnten guten Spielbedingungen. Neue, junge Spieler verstärkten die Mannschaft. Und sofort stieg das Leistungsniveau. Der erste große Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: In Görlitz holte sich Einheit Niesky mit einem Sieg gegen Zittau einen viel beachteten Turniersieg. Danach ging die Erfolgsgeschichte weiter. Eine tolle Truppe. Eher schlecht ausgerüstet. Eher bescheidene Trainingsbedingungen. Eher übermächtige Gegner. Aber Niesky ist von Anfang an mit einer ganz besonderen Mannschaft gesegnet. Selbst über den Sommer wurde trainiert – im Natureisstadion mit den sechs Lichtsträngen, drahteisernen Fangnetzen oder dem Barackengebäude daran. Auch wenn die Spielfläche mit der angrenzenden Bande oft unter Wasser stand. Die Winter über aber war immer was los. Wie im Januar 1956. Da knallten die Pucks an die hölzerne Bande, konnte man die Rufe der Eishockey-Männer bis kurz vor Mitternacht hören. Einheit Niesky bereitete sich intensiv auf die Bezirksmeisterschaft Ostsachsens vor. Endlich bekam man die ganze Konkurrenz vor die Schläger, wollte sich besonders gegen die Teams aus dem Zittauer Gebirge beweisen. Bei dem Training fiel vor allem der 21-jährige Hubert Keßler auf. Seine außergewöhnlichen läuferischen Qualitäten brachte sich der in Bautzen Geborene auf den Teichen in Baruth bei. Die Rückhandschüsse, blitzschnell und präzise aufs Tor, wurden zum Markenzeichen. Nach Niesky kam der junge Mann, der Pädagogik und Sport in Chemnitz studierte, über eine Neulehrerstelle in Klitten. Dort wohnte er auch jahrelang und lernte in Kreba Christian Kittner kennen. Der war Mannschaftskapitän der Nieskyer Eishockeyspieler. „Es war eine schöne Zeit im Kreis Niesky. Und da die Kreisstadt eine richtig gute Eishockeymannschaft hatte, gab es für mich kein Zögern. Ich spielte ja bereits in Chemnitz und hatte sogar Angebote aus Crimmitschau. Aber wir waren in Niesky eine verschworene Truppe, spielten, kämpften und hielten zusammen. Das gab bestimmt den Ausschlag für den Sieg in Görlitz“, sagt Hubert Keßler, der diese dreitägige Meisterschaft mit sechs Mannschaften im Eisstadion an der Stadthalle nicht vergessen kann. „Gegen Fortschritt Seifhennersdorf schossen wir uns mit 13:0 so E richtig ein. Je zwei Tore erzielten unter anderem Erhard Fiebig und Manfred Geide, ich machte fünf.“ Im Endspiel ging es gegen den haushohen Favoriten aus Zittau. Kurz vor Schluss stand es 2:2. „Ich bekam den Puck, lief in das gegnerische Drittel. Da der Winkel zum Tor recht ungünstig war, fuhr ich wieder Richtung Mittellinie. Keiner griff mich an. Da holte ich plötzlich mit der Rückhand aus und knallte den Puck in das Zittauer Tor. Der Torwart war völlig konsterniert.“ Einheit Niesky sicherte sich mit diesem 3:2 die Meisterschaft. Hubert Keßler schwärmt noch heute: „Eines meiner schönsten Tore.“ Den Siegtreffer musste der Stürmer allerdings teuer bezahlen. „Mit einem Mal bekam ich von dem wohl besten Zittauer, dem Spieler Zentsch, mit dem Schläger einen Hieb auf den Kopf. Da wir damals noch keinen Helm trugen, erwischte der mich ganz schlimm. Das war ein Frustfoul. Kurz zuvor, bei einem Spiel in Eisenhüttenstadt, verpasste mir ein Gegenspieler schon eine Kopfverletzung. Die alte Wunde brach wieder auf.“ Für die nächsten Begegnungen band sich Hubert Keßler einen dicken Schal mit doppelten Knoten über den Kopf. „Ich sah aus wie ein Osterhase mit hängenden Ohren.“ In den folgenden Jahren bestritt Einheit Niesky eine Reihe von hochkarätigen Freundschaftsspielen. Ob gegen Knappenrode, Zittau, Görlitz, Geising oder Lohsa, über 1 000 Zuschauer waren keine Seltenheit. Bis der Heimstätte am Moryteich der Atem ausging und im Frühjahr 1961 schließen musste. Doch da schon erfolgte der Ruf rundum: Wir bauen ein neues Stadion hinter dem Waldbad. Genau dort, wo 2015 für alle Nieskyer ein Traum in Erfüllung gehen wird: Die funkelnagelneue, überdachte Kunsteisarena. Für Hubert Keßler wäre das eine ganz besondere Freude: Die Eröffnung erleben und beim ersten Match den Tornados ganz kräftig die Daumen zu drücken. „Reinkommen würde ich sogar ohne Eintrittskarte, mit meiner Ehrenlizenz- Karte. Die gilt für alle Stadien in Deutschland“, schmunzelt der 77-Jährige, der über 1 000 Tore als Aktiver erzielte, das letzte mit 56 Jahren. Außerdem besitzt der in Bremen wohnende die Trainerlizenz der 2. Bundesliga. Apropos Hockey-Berater: Der Bremer wünscht den Nieskyern für das neue Stadion eine auf die örtlichen Bedingungen ausgelegte gute Vorplanung und einen erfolgreichen Bauverlauf. „Aber wie ich die Nieskyer kenne, werden sie das Ding schaukeln, mit einem stabilen Dach und der nötigen Schräge, zuschauerfreundlich, mit Parkplätzen und Zugangswegen.“ Übrigens begegnete Hubert Keßler schon einmal den Tornados in Bremen, bei einem Punktspiel der Regionalliga Nord/Ost. „Eine spielstarke Mannschaft. Die putzten Bremen mit 14:5 weg. Ich wollte der Truppe unbedingt Guten Tag sagen. Leider bekam ich in der Spielerzone Platzverweis. Der Trainer tobte, wohl wegen der fünf Gegentore und fragte mich unwirsch ‚Was wollen Sie denn hier‘!“ Ein Tornado-Fan ist Keßler trotzdem.

Bildunterschrift: Hubert Keßler im Urlaub – und auf dem historischen Foto mit Schal um den Kopf – wegen der Verletzungen. Die Männer von Einheit Niesky haben für das Foto im Görlitzer Eisstadion nach dem Gewinn der Bezirksmeisterschaft posiert. Von rechts, hintere Reihe: Hubert Keßler, Werner Kaschka, Manfred Geide, Eberhard Haupt. Vordere Reihe: Klaus Stalive, „Biber“
Zukunft, Christian Kittner, Joachim Keßler, Heinz Marquardt und Eberhard Fiebig.
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